Rolf-Jürgen Otto

Wie wurde ein ehemaliger Kneipier und Boxveranstalter aus Hessen eigentlich Präsident von Dynamo Dresden? Bis zur Wende deutete selbstverständlich nichts auf diese Konstellation hin. Rolf-Jürgen Otto versuchte sich im Raum Frankfurt als Bauunternehmer und war in dieser Funktion häufiger Gast vorm Insolvenzgericht. Der Mann mit dem Faible für Goldrandbrillen, Jacketkronen und interessanten Farbspielereien in Sachen Hemd, Sakko und Krawatte, hatte sich sogar strafrechtlich in Frankfurt zu verantworten. Es gab Verfahren wegen Betrugs, Unterschlagung und Insolvenzverschleppung.

Da kam dem gescheiterten und juristisch verfolgten Unternehmer der Fall der Mauer zupaß. Otto gründete Firmen in Sachsen und ließ sich im Dresdner Hotel Bellevue nieder, selbstredend eine der ersten Adressen in Sachsens Hauptstadt.

Im Osten konnte man gute Geschäfte machen und vor allem hervorragend Klüngeln. In Sachsen baute sich Otto einen Firmenkonglomerat auf. Ein Kieswerk in Dresden, eine Hoch- und Tiefbau-Firma in Großenhain, eine Baufirma in Meißen und die Trendbau-Gesellschaft, die am Rand von Dresden in Weißig eine Art Kleinstadt aufbaute. 870 Wohnungen mit einem Gesamtauftragsvolumen von 150 Millionen Mark durfte Rolf-Jürgen Otto in Weißig bauen. Im Zuge dieses Geschäfts wurde der Bürgermeister der Gemeinde, Hans-Jürgen Behr, zu einem guten Freund von Otto. Als der Hesse die Präsidentschaft von Dynamo plante und der Sachse Oberbürgermeister von Dresden werden wollte, half man sich selbstverständlich gegenseitig so gut es ging. Otto wollte für die FDP in den Dresdner Stadtrat einziehen und im Bauauschuss neue Wohnungsprojekten auf den Weg bringen. Da wäre der zuverlässige Partner aus Weißig als Dresdner OB natürlich die perfekte Besetzung gewesen, um weitere Millionenbauvorhaben abzusegnen.

Doch zunächst stand Dynamo auf der Liste des Ost-West-Duos. Unter der Präsidentschaft von Wolf-Rüdiger Ziegenbalg wurde das erste Bundesligajahr zwar sportlich überstanden, aber eine verfehlte Finanzpolitik brachte einen Berg von mehreren Millionen Mark Schulden mit sich. Gut dass es da den Gönner aus dem Westen gab, der mal eben mit 1,6 Millionen Mark aushelfen konnte. Weniger gut für Ziegenbalg, dass er einen verklausulierten Vertrag unterschrieb, in dem nicht nur Dynamo, sondern auch er persönlich für das Geld haftete. Außerdem bekam Otto den Posten des Schatzmeisters, von dem er medienwirksam nach kurzer Zeit wieder zurück trat. Er nahm öffentlich die Misswirtschaft von Ziegenbalg ins Kreuzfeuer und versagte unter dieser Vereinsführung ganz klar weitere finanzielle Zuwendungen aus seiner Privatschatulle.
Es war der Herbst 1993, Dynamo war im zweiten Bundesligajahr und Otto baute Druck auf Ziegenbalg auf. Der hessische Baulöwe hatte den sächsischen Hi-Fi-Händler in der Hand und Ziegenbalg räumte zu Gunsten seiner eigenen Existenz das Feld bei Dynamo. Nun traten hunderte von Ottos Angestellten im Verein ein und wählten ihren Boss im Januar 1993 zum Präsidenten. Gleichzeitig wurde Polit-Spezi Hans-Jürgen Behr zum Vizepräsidenten gewählt. Die Machtergreifung war vollzogen.

Rolf-Jürgen Otto

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Zum sportpolitischen Coup gesellte sich seinerzeit eine unternehmerische Niederlage. Die dubiose Pleite seiner Firma Hoch-und Tiefbau Meißen beschäftigte die Staatsanwaltschaft gleich unter mehreren Aktenzeichen. Betrug, Veruntreuung und Konkursverschleppung wurden dem kräftigen Geschäftsmann wie schon dereinst in Frankfurt vorgeworfen. Als Dynamo-Präsident gelang ihm dagegen die schwere Mission der Lizenzrettung seines Vereins. Voller Pathos ergriff er beim DFB in seiner alten Heimat Frankfurt Plädoyer für Dynamo und den Ostfussball. Sein Vorschlag zur Güte; vier Punkte Abzug in den kommenden Saison und 100.000 DM Geldstrafe. Der DFB nahm an und Otto flog zurück nach Dresden und präsentierte dem Dynamo-Anhang die Lizenzunterlagen wie eine Trophäe. Die Lizenzerteilung verschaffte ihm Luft und hinter den Kulissen konnte Otto nahezu die gesamten Amtsträger und Geschäftsstellenmitarbeiter der SGD austauschen. Im Otto-Staat wurde jegliches finanzielles Gebaren für die Fans und Außenstehende undurchsichtig. Gelder wurden von Konto zu Konto transferiert und viele der Einnahmen sickerten in dunkle Kanäle.
In der Mannschaftskabine ging es teilweise zu wie in einem Taubenschlag. Pro Saison kamen rund ein Dutzend Neuzugänge und rund ein Dutzend Kicker verließen Dynamo. Die finanziellen Transaktionen bei den Ein- und Verkäufen von Spielern boten günstige Gelegenheiten an den Zahlen zu drehen und Gelder in die eigene Tasche zu stecken. Willfähriger Gehilfe und Mitprofiteur dabei war der Otto-Kumpel Willi Konrad, der das Amt des technischen Direktors bei Dynamo Dresden bekleidete. Konrad, 1971 als Offenbacher Geschäftsführer bereits in den Bundesliga-Manipulationsskandal verwickelt, leitete viel Geld auf die Bahamas und in die Schweiz weiter.

Die Einnahmen Dynamos versackten in Millionenhöhe und notwendige Ausgaben wurden verspätet oder gar nicht getätigt. Man war mit den Gehältern regelmäßig im Rückstand und Rechnungen wurden nicht bezahlt. Nichtsdestotrotz schaffte die Mannschaft 93/94 den Klassenerhalt. Die Vier-Punkte-Hypothek aus dem Lizenvergabeverfahren wurde nicht zum sportlichen Sargnagel. Man erziuelte unter Trainer Siggi Held gar mit Platz 13 die beste Platzierung in der eigenen kurzen Bundesligageschichte. Ein sportlicher Erfolg, der half die fragwürdigen Machenschaften hinter den Kulissen ein weiteres Jahr zu decken.

Dynamo konnte ins vierte Bundesligajahr starten. Es sollte das vorerst letzte eines großen Vereins werden. 1995 stieg man sportlich ab und der DFB verweigerte aus finanziellen Gründen die Lizenz für die 2.Bundesliga. Dynamo war nur noch drittklassig und die Otto-Blase platzte endgültig. Der gewichtige Baulöwe erlebte den Neustart im Amateurfussball zu allem Überfluss aus dem Gefängnis. Für den nur mit Bademantel und Badeschlappen bekleideten Rolf-Jürgen Otto klicken am frühen Morgen des 2.August 1995 die Handschellen. Verurteilt wurde er wegen vorsätzlichen Bankrotts, Konkursverschleppung und Nichtabführung von Sozialversicherungsbeiträgen (alles im Rahmen seiner Tätigkeit als Bauunternehmer). Seine Nachfolger bei Dynamo Dresden hatten viel aufzuarbeiten und vieles Unglaubliches kam ans Licht. So hatte Otto sich fix fünf Millionen D-Mark von seiner Meißener Baufirma aufs Dynamo-Konto buchen lassen und nach der Lizenzerteilung wurde die Summe schnell wieder zurück gebucht. Generell wurde viel Geld hin und her geschoben, um Löcher zu stopfen, die damit wiederum anderswo aufgerissen wurden. Vieles blieb durch fehlende Buchführung allerdings überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. Otto selbst, inzwischen wieder auf freiem Fuß, hat keinerlei Interesse seine Ägide in Dresden aufzuarbeiten. Er lebt als Rentner wieder in Frankfurt und tut sicher gut daran nie wieder Dresdner Boden zu betreten. Man könnte seine mehrjährige Haftstrafe anno ’95 gar zur Schutzhaft umdeklarieren, vergegenwärtigt man sich das Dresdner Fangemüt im Sommer 1995.

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