Jörg Sievers

Mit „Ein guter Colt ist besser als Gold“ betitelten die 96-Fans 2003 ihre Abschieds-Choreograhie für das Torwart-Idol Jörg „Colt“ Sievers. Den Spitznamen hatte der Torhüter der TV-Figur Colt Seavers, einem Stuntman und Kopfgeldjäger, zu verdanken. Gerade der Serientitel „Ein Colt für alle Fälle“, passt wie die Faust auf’s Auge, denn der am 22. September 1963 geborene Keeper war 14 Jahre lang in Hannover die Verlässlichkeit in Person.

1989 heuerte der aus Uelzen stammende Sievers bei Hannover 96 an. Zuvor hütete er das Tor beim SV Eddelstorf, dem Lüneburger SK und dem VfL Wolfsburg. Der Wechsel vom Drittligisten Wolfsburg zum Bundesligaabsteiger Hannover 96 war der logische nächste Schritt zum Endziel 1.Bundesliga. Weniger gewöhnlich war dagegen Sievers schriftliche Bewerbung für die freie Planstelle im 96-Tor. Da beim Absteiger im Sommer etwas Chaos auf der Geschäftsstelle herrschte, versuchte Sievers die Verantwortlichen auf dem Postweg zu erreichen. Und siehe da, die Bewerbungsunterlagen landeten nicht im Papierkorb, Sievers konnte auch beim Einstellungstest und im Vorstellungsgespräch überzeugen und unterschrieb wenig später seinen ersten Profivertrag.

Jörg Sievers

Jörg Sievers © hannover96.de

In seinem ersten Jahr bei den Roten war Sievers zunächst als neue Nr. 2 hinter der bisherigen Nr. 2 Andreas Nagel vorgesehen. Doch Nagel patzte in den ersten Spielen und als nach dem 4. Spieltag die Erstrundenpartie im DFB-Pokal gegen Borussia Mönchengladbach anstand, bekam Sievers den Vorzug. 96 verlor 0:3, aber Sievers hielt ansprechend, damals noch nicht ahnend in welcher Form er sich eines Tages bei Gladbach für diese Niederlage revanchieren würde. Ab dem 5. Spieltag hütete Sievers dann durchgängig das Tor der Niedersachsen und jenes sollte er in den kommenden 14 Jahren auch nur noch selten verlassen.

Der Stammplatz bei Hannover 96 bedeutete in den ersten Jahren einen Stammplatz in der zweiten Bundesliga. Erst 1991/92 wurde empfindlich am Mittelmaß gerüttelt. Im ersten Gesamtdeutschen DFB-Pokal konnten in den ersten drei Runden Marathon Berlin, der VfL Bochum und Borussia Dortmund auswärts ausgeschaltet werden. Im Achtel- und Viertelfinale gab es 1:0-Heimsiege gegen Uerdingen und den KSC zu bejubeln und im Halbfinale durfte man mit Werder Bremen den Titelverteidiger im Niedersachsenstadion empfangen. Es war ein Spiel der besonderen Dramatik, dessen reguläre Spielzeit 0:0 endete. In der Verlängerung konnte der Außenseiter durch Michael Koch in der 95.Minute 1:0 in Führung gehen. Grenzenloser Jubel beim Heimanhang, der gerade erst abebbte, als Rune Bratseth zwei Minuten später zum Ausgleich traf. Es durfte noch über 20 Minuten gezittert werden, dann ging es in den Elfmeterkrimi. Es steht 5:5, als Sievers persönlich zum 6:5 gegen Werder-Schlussmann Jürgen Rollmann trifft. Darauf parierte er den Elfer von Marco Bode und zog mit Hannover 96 ins Finale ein. Ein Held war geboren.

Das Endspiel gegen Borussia Mönchengladbach ging ebenso ins Elfmeterschießen. Sievers hielt die Elfer von Pflipsen und Fach, Michael Schönberg verwandelte den entscheidenden Elfmeter für 96. Hannover 96 gewann als erster Zweitligist den DFB-Pokal, schaltete sechs Bundesligisten aus und Jörg Sievers war zum Helden von Berlin geworden. Ausgerechnet gegen den Gegner, der knapp vier Jahre zuvor im gleichen Wettbewerb den Beginn seiner Profikarriere mit einer Niederlage markierte. Nun gab es für Jörg Sievers eigentlich nur noch ein sportliches Ziel und zwar mit Hannover 96 in die 1.Bundesliga aufzusteigen.

Nur vier Jahre nach dem Triumph von Berlin, ist der Keeper weiter denn je von der Verwirklichung dieses Traumes entfernt. Hannover 96 steigt zum 100.Geburtstag in die Regionalliga ab und Sievers geht trotz Angeboten aus dem Profifußball mit in die norddeutsche Fußballprovinz. Hannover 96 dominiert zwei Jahre lang die Regionalliga Nord nach Belieben und hält jeweils den alten Rivalen Eintracht Braunschweig auf Distanz. Doch im ersten Jahr scheitert man an Energie Cottbus in der Relegation. Der zweite Relegationsgegner heißt daraufhin 1998 Tennis Borussia Berlin. 96 und Sievers setzen sich nach einem Krimi aus Hin- und Rückspiel (0:2 und 2:0) mal wieder im Elfmeterschießen durch.

Zurück in der 2.Bundesliga, dürfen die Fans bis zum letzten Spieltag vom Durchmarsch träumen. Ein Kunststück, dass dann doch der Mitaufsteiger SSV Ulm vollbringt, die von Ralf Rangnick in die zweite Liga und auf Aufstiegskurs geführt wurden. Der schwäbische Coach wird 2002 schließlich Hannover 96 und Jörg Sievers zurück ins Fußballoberhaus führen. Dort darf sich der treue Tormann noch 17mal seinen Traum von der 1.Bundesliga verwirklichen, ehe der 37jährige im Abstiegskampf Gerhard Tremmel weicht. Die Roten machen am vorletzten Spieltag gegen Borussia Mönchengladbach den Klassenerhalt klar und am 34.Spieltag kommt Sievers noch zu seinem regulären Abschiedsspiel gegen Arminia Bielefeld. Seit seinem Karriereende ist er Hannover 96 als Torwarttrainer erhalten geblieben. Lebenslänglich 96, für den Colt auf alle Fälle eine Selbstverständlichkeit.

Bildquelle: http://www.hannover96.de

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