Horst Szymaniak

In der Nachkriegszeit schlug das Fußballherz im Ruhrgebiet. Inbegriff zahlreicher Fußballmythen zwischen Kohle und Stahl war die legendäre Oberliga West. Der Fußball war vielleicht die größte Chance für Arbeiterjungs, um aus ihrem Milieu aufzusteigen. Weg vom Schacht oder Hochofen, rein in die Welt des bezahlten Fußballs mit Eigenheim und Minibar. Unter der Woche wurde unter Tage geschuftet und am Wochenende wurde zwischen rauchenden Schloten vor Tausenden von Zuschauern im ganzen Pott Fußball gespielt.

Es sind die Geschichten von Vereinen wie Borussia Dortmund und Schalke 04, die die Oberliga prägten. Die Stadien hießen Kampfbahnen und so wurde auch der Fußball gespielt, ehrlich und kampfbetont. Es war die große Zeit von Vereinen wie den Sportfreunden Katernberg, dem SV Sodingen, den Husaren des STV Horst-Emscher oder der Spielvereinigung aus Oer-Erkenschwick.

Horst Szymaniak

Horst Szymaniak

Viele dieser Clubs waren eng mit ihren umliegenden Zechen verbunden und rekrutierten ihre Fußballer unter den Bergmännern. In Erkenschwick stand das Stadion der SpVgg auf dem Gelände der Zeche Ewald Fortsetzung. Indiz genug für die enge Verquickung von Bergbau und Balltreterei. In der Zeche Ewald Fortsetzung schuftete auch Horst Szymaniak. Ebenso wie sein Bruder, sein Vater und viele seiner Freunde. Über Tage wurden die Fußballstiefel in der Jugendmannschaft der SpVgg Erkenschwick geschnürt. Die „Schwicker“ waren von 1943 bis 1953 durchgehend erstklassig und 1947 der erste Tabellenführer der neugeschaffenen Oberliga West.

1952/53 stieß der von Erkenschwicks Legende Julius „Jule“ Ludorf entdeckte Szymaniak zur ersten Mannschaft der SpVgg hinzu und musste am Saisonende den Abstieg in die Zweitklassigkeit hinnehmen. Bis 1955 blieb der linke Läufer in Erkenschwick, dann lockte der frischgebackene Oberligaaufsteiger Wuppertaler SV mit Erstklassigkeit und Vertragsspielerstatus. Szymaniak ragte fortan sportlich heraus und empfahl sich 1956 erstmals für Herbergers Nationalelf, den amtierenden Weltmeister. Der Halbstürmer war einer der begabtesten und beliebtesten Spieler Deutschlands in den 50er Jahren. Für den Bundestrainer war er „ein erstklassiger Mann und Instinktfußballer, der fühlt wie ein Spiel läuft“. Große Erfolge auf Vereinsebene gab es für Szymaniak mit dem WSV zwar nicht zu feiern, aber „Schimmi“ fühlte sich wohl in Wuppertal und holte seine ganze Familie ins Bergische Land nach. So hielt er dem WSV auch nach dem Abstieg 1958 noch ein Jahr die Treue, bis 1959, nach dem missglückten Versuch des direkten Wiederaufstiegs, der Karlsruher SC mit üppigem Handgeld lockte.

Nach zwei erfolgreichen Jahren in der Oberliga Süd mit den Badenern, lockte das ganz große Geld als Profifußballer in Italien. Während man in Deutschland immer noch am Amateurstatut festhielt, konnten südlich der Alpen für damalige Verhältnisse schon kleine Vermögen mit dem professionellen Kicken verdient werden. Von 1961 bis 1965 ging der linke Offensivmann für CC Catania, Inter Mailand und den FC Varese auf die Jagd nach Toren, Punkten und Titeln. Der größte Erfolg war 1964 sicher der Gewinn des Europokals der Landesmeister mit Inter Mailand, auch wenn Szymaniak im Endspiel nicht berücksichtigt wurde. Generell kam der deutsche Star bei Inter selten zum Zuge, da andere Ausländer wie der teuerste Spieler der damaligen Zeit, Luis Suarez, den Vorzug erhielten und maximal zwei Nicht-Italiener gleichzeitig spielen durften.
1965/66 wurde Szymaniak dann zum Bundesligaspieler. Mit seiner Verpflichtung gelang dem „politischen“ Aufsteiger Tasmania Berlin ein Transfercoup, der Hoffnungen auf ein Bestehen in der Eliteklasse nährte. Die Realität sah jedoch anders aus, da ein großer Spieler aus einer guten Berliner Regionalmannschaft keinen konkurrenzfähigen Bundesligisten machen konnte. Die Tasmania wurde der erfolgloseste Bundesligist aller Zeiten und hält bis heute zahlreiche Negativrekorde. Da wären zum Beispiel die wenigsten Tore (15), die meisten Gegentore (108), die wenigsten Punkte (8:60 nach der Zwei-Punkte-Regel; 10 nach der Drei-Punkte-Regel), die wenigsten Siege (2) und natürlich auch die meisten Niederlagen (28). Außerdem kann die Tasmania zahlreiche Negativserien verbuchen und hält mit 827 zahlenden Zuschauern auch den Zuschauernegativrekord der Bundesligageschichte, aufgestellt am 15. Januar 1966 gegen Borussia Mönchengladbach.

Kaum verwunderlich, dass Horst Szymaniak seinem Club nicht in die Regionalliga West-Berlin folgte und fortan lieber den FC Biel in der Schweiz verstärkte. Trotz der Mißerfolge mit Tasmania blieb Szymaniak bis 1966 im Fokus des Bundestrainers und wäre beinahe im Sommer zu seiner dritten WM nach England gefahren. Eine Zechtour beim Vorbereitungslehrgang in Augsburg stieß dem neuen Bundestrainer Helmut Schön allerdings so übel auf, dass er auf den erfahrenen Mann und einen der besten Deutschen der vorangegangenen WM-Endrunden verzichtete. Gerade 1958, bei der WM in Schweden, war „Schimmi“ der überragende Mann in der deutschen Elf, die dort Vierter wurde. Im Halbfinale der Deutschen gegen Gastgeber Schweden trug sich auch folgende Anekdote zu: Vor Spielbeginn wurden die deutschen Akteure vom schwedischen König per Handschlag begrüßt und Szymaniak wagte es dem König auf Kopfhöhe zu begegnen und dem Monarchen tief in die Augen zu schauen. Vor dem Bundestrainer Sepp Herberger begründete „Schimmi“ dieses tadelhafte Verhalten mit dem alten Bergmannsspruch: „Kein Kniefall, auch nicht vor gekrönten Häuptern.“

Szymaniak ist bis ans Lebensende von der Mentalität her ein Bergmann aus dem Ruhrgebiet geblieben und war eine prägende Figur der Epoche, in der aus Arbeiterjungs Berufsfußballer wurden. Wäre die Bundesliga zehn Jahre früher aus der Taufe gehoben worden, wäre er sicher einer der größten Stars ihrer ersten Dekade geworden. So stehen nur 29 Bundesligaspiele und 1 Tor unter Szymaniak in der großen Bundesligastatistik, unzertrennbar verbunden mit dem schlechtesten Bundesligisten aller Zeiten, dessen Name Tasmania längst zum geflügelten Wort für fußballerische Erfolglosigkeit geworden ist.

Und leider blieb „Schimmi“ nach seiner Bundesligazeit nicht von weiteren Pleiten und Negativserien verschont. Nach dem kurzen einjährigen Gastspiel in Biel gab es noch ein Intermezzo in den USA, wo Szymaniak zwölfmal für die Chicago Spurs in der National Professional Soccer League, einer Vorläuferliga der legendären NASL, auflief. Danach kehrte er nach Deutschland heim, trainierte einige unterklassige Vereine und ließ sich in Melle nieder. Dort eröffnete der schon während der aktiven Laufbahn dem Umtrunk nicht abgeneigte „Schimmi“ eine Kneipe. Der Alkohol, der ihm bereits 1962 eine kurze Haftstrafe wegen Trunkenheit am Steuer einbrockte und 1966 die WM kostete, setzte dem einstigen Profisportler gesundheitlich teilweise schwer zu. Die Ersparnisse waren auch irgendwann aufgebraucht und eine zweite berufliche Karriere tat sich nicht auf.

2002 starb Szymaniak in einem Meller Altenpflegeheim. Fortleben tut diese Fußballlegende an all seinen Wirkungsstätten, teilweise verewigt auf Gedenktafeln, in Büchern und Filmen und in den zahlreichen Erzählungen der Zeitzeugen. Und irgendwie auch in der populären Fernsehfigur Horst „Schimmi“ Schimanski, den Duisburger TV-Kommissar, dessen Erfinder Hajo Gies bei der Namensgebung von der Ruhrpott-Ikone Horst Szymaniak inspiriert wurde.

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