Helmut Benthaus

Mitte der 80er Jahre befand sich die Deutsche Nationalelf in einer tiefen Krise. 1982 war man zwar Vizeweltmeister geworden, aber beeindruckend war nur die Qualifikation mit 16:0 Punkten und 33:3 Toren (bis heute Rekord). Von der Endrunde blieben das 1:2 zum Auftakt gegen Algerien, der Nichtangriffspakt von Gijon, eine holprige und glückliche Zwischenrunde, so wie Toni Schumachers brutales Foul gegen den Franzosen Battiston im Halbfinale in Erinnerung. Gerade das schmachvolle Ballgeschiebe gegen Österreich beim 1:0-Sieg, was den Algeriern das Weiterkommen kostete und beiden deutschsprachigen Nationen die Zwischenrunde sicherte, sowie der Schumacher-Tritt gegen Battiston, schädigten das Image der Nationalmannschaft nachhaltig.

Helmut Benthaus

Helmut Benthaus © blick.ch

Als man 1984 sang- und klanglos bei der EM in Frankreich in der Vorrunde ausschied, waren die Tage von Bundestrainer Jupp Derwall endgültig gezählt. Ein Nachfolger war auch schnell gefunden; Stuttgarts Meistertrainer Helmut Benthaus sollte es richten. Dieser Trainer wurde während der schwachen Qualifikation der Deutschen schon von den Medien in Position gebracht. Doch als die Ära Derwall endete, stellte sich der VfB Stuttgart quer. Den Meistertrainer, der noch einen Vertrag bis 1985 hatte, gab man nicht frei. Das Ruder übernahm nun Franz Beckenbauer, auf der eigens für ihn geschaffenen Position des Teamchefs. Da der Kaiser keine Trainerlizenz besaß, wurde ihm Horst Köppel (später Holger Osieck) als Co und formeller Bundestrainer zur Seite gestellt. Dieses Engagement mündete im WM-Sieg 1990. Zu diesem Zeitpunkt war Helmut Benthaus schon kein Trainer mehr, sondern Versicherungsvertreter in Basel.

Begonnen hatte die Liebe von Helmut Benthaus zum Fußball auf den Straßen seiner Heimatstadt Herne. Dort wurde der Sohn eines Maurerpoliers 1935 geboren. Als einziger seiner Grundschulklasse wurde er Abiturient. Er besaß Intelligenz, die er auch auf dem Rasen zu nutzen wusste. Mit Westfalia Herne drang er in den 50er Jahren in die nationale Spitze ein. Er wurde wie die Teamkameraden Tilkowski und Pyka Nationalspieler. Achtmal setzte Herberger den Herner Außenläufer zwischen 1958 und 1960 in der DFB-Auswahl ein. Mit Westfalia wurde Benthaus 1959 Westdeutscher Meister. Es war der zweitgrößte Erfolg als Spieler für den Sport- und Englischstudenten der Universität Münster.

Sein Studium setzte Helmut Benthaus ab 1961 in München fort und Fußball wurde von nun an für 1860 gespielt. Durch eine Verletzung kam der Westfale hingegen nicht bei den 60ern zum Zuge und wechselte nach nur einem Jahr zurück in den Westen. Für die nächsten drei Jahre hieß der Arbeitgeber 1.FC Köln. Ein Spitzenteam mit Overath, Weber, Schnellinger (bis 1963), den Stürmern Christian Müller und Karl-Heinz Thielen und Weltmeister Hans Schäfer im Kader. Mit dieser Mannschaft wurde Helmut Benthaus 1964 erster Bundesligameister. 1963 und 1965 wurden die Kölner Vizemeister.

Nach der zweiten Vizemeisterschaft wechselte Benthaus als Spielertrainer zum FC Basel in die Schweiz. Die Aufgabe weiterhin aktiv zu spielen, aber zugleich für die Mannschaft in vollem Umfang verantwortlich zu sein, reizte den Außenläufer aus Herne. Die Schweiz wurde zu seiner zweiten Heimat und Benthaus feierte beachtliche Erfolge mit dem FC Basel. 1967, ’69 und ’70 wurde der Spielertrainer Meister mit dem FCB. Ab 1971 war er nur noch Coach der Rot-Blauen und holte ’72, ’73, ’77 und ’80 vier weitere Meistertitel in den St. Jakob-Park. Cup-Siege gelangen 1967 und 1975. Der Deutsche verabschiedete sich 1982 als Legende in Richtung Bundesliga.

Gerufen hatte der VfB Stuttgart, welcher 1981/82 nur Neunter wurde und den Aderlass der Stars Hansi (Inter) und Dieter Müller (Girondins Bordeaux) zu verkraften hatte. Doch mit Asgeir Sigurvinsson gelang dem „Intellektuellen“ auf der Trainerbank ein Glücksgriff und die Förster-Bruder bildeten eine starke Defensive. Daraus resultierte ein geachteter 3. Platz 1983. Im Folgejahr gelang der große Wurf. Die erfolgreiche Benthaus-Mannschaft gewann Guido Buchwald und den schwedischen Stürmer Dan Corneliusson hinzu und wurde zum Überraschungsmeister 1984. Benthaus hatte bewiesen, dass er auch in Deutschland Titel gewinnen konnte und war der Trainer der Stunde. Rückblickend äußerte er sich: „Wissen Sie, was dieses Ereignis für mich bedeutet? Es war mehr als ein Sieg. Es war für mich so etwas wie die letzte Bestätigung meiner Arbeit als Trainer – ich war vorher ein paar Mal geworden, gut. Aber im Hinterkopf plagt die Schweizer doch immer dieser Komplex: Der richtige Fußball beginnt erst jenseits des Schlagbaums – drüben, in der Bundesliga. Ich war, wie gesagt, siebenmal Schweizer Meister – als Deutscher. Dann ging ich rüber und wurde Deutscher Meister – als Schweizer. Vielleicht ahnen Sie jetzt, was dieser Sieg mir wert ist.“

Dieser Typus des kühlen und intelligenten Trainers war nun für die kriselnde Nationalmannschaft gefragt. Doch wie eingangs erwähnt, kam es anders. Der VfB schied in der 1.Runde des Europapokals der Landesmeister aus und in der Bundesliga wurde man nur Zehnter. Benthaus der Unentbehrliche war binnen eines Jahres absolut entbehrlich geworden und musste Otto Baric weichen. Der Bundestrainer-Zug war inzwischen auch abgefahren. Beckenbauer, zunächst nur als Interimslösung eingeplant, saß mittlerweile fest im Sattel und Benthaus galt nicht mehr als der hoffnungsvolle Wundertrainer wie im vorigen Sommer. Der Gefallene kehrte zum FC Basel zurück, konnte dort aber nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen. 1987 beendete er seine Trainerlaufbahn. Ohne Helmut Benthaus stieg der FC Basel 1988 in die Nationalliga B ab.

Der Meistertrainer wurde die kommenden zehn Jahre erfolgreich für eine Versicherung tätig und ist nun Pensionär. Allen Offerten von Fußballvereinen widerstand der gebürtige Herner in dieser Zeit. Mit dem Trainerberuf hatte er abgeschlossen. Die zweite Karriere in der freien Wirtschaft unterstreicht Benthaus Charakter. Fußball war seine Leidenschaft, aber nie alles für ihn. Er machte Abitur, studierte neben der Spielerkarriere an mehreren Hochschulen und war während seiner Zeit als Basler Coach zugleich Dozent an der Universität Basel. Die Stadt am Rhein im Schweizer Norden ist zu seiner Heimat geworden und mit dem FCB fiebert er immer noch bei jedem Spiel mit.

Bildquelle: http://www.blick.ch/sport/fussball/international/bundesliga/wird-der-vfb-stuttgart-meister-135198

Weitere Legenden des Fussballs:

Fuballer Legenden