Hans Siemensmeyer

Kaum einer dürfte Hannovers erste Bundesligadekade mehr verkörpern als Hans Siemensmeyer. Der Oberhausener war das Sahnehäubchen einiger gelungener Westimporte der Niedersachsen. So kam Torhüter Podlasly aus Hamborn, die Torjäger Rodekamp und Bandura aus Hagen bzw. Herne und die Verteidiger Hellingrath und Laszig aus Neuss bzw. Gelsenkirchen, um nur mal einige prominente Neuzugänge aus dem Fußball-Westen zu nennen.

Siemensmeyer begann das Kicken auf der Straße und dem Bolzplatz. Später genoss er seine fußballerische Ausbildung bei Osterfeld 06 und SuS 21 Oberhausen. Die richtige Karriere begann 1960 bei der lokalen Nr. 1 RWO. Bei den Rot-Weißen war der blonde Mittelfeldspieler und Stürmer so erfolgreich, dass er für unverkäuflich erklärt wurde. Das hatte so lange Bestand, bis die Oberhausener Geld brauchten. Als erster zahlungskräftiger Interessent wurde Hannover 96 beim RWO-Präsidium vorstellig und Siemensmeyer wechselte an die Leine.

Hans Siemensmeyer

Hans Siemensmeyer © stickerfreak.de

In Niedersachsens Hauptstadt schlug der Rheinländer voll ein und war in seinem ersten Jahr Bundesliga gleich mit 15 Treffern bester Torschütze der 96er. Neun Jahre schnürte der „Blonde Hans“ die Fußballstiefel für den HSV von 1896 und war allzeit ein verlässlicher Leistungsträger. Auch neben dem Platz war er, anders als beispielsweise Torjäger Rodekamp, ein absoluter Musterprofi. Siemensmeyer war der Kopf der Mannschaft, stets ein Vorbild an Einsatzwillen.

Auch international führte der Kapitän seine Roten 14mal auf’s Feld. Besonders erfolgreich waren die Roten im Messepokal 1965/66. Nachdem in der 2. Runde der FC Porto durch ein fulminantes 5:0 mit zwei Siemensmeyer-Toren im Niedersachsenstadion ausgeschaltet wurde (Rückspiel in Porto 1:2), wartete in Runde 3 der FC Barcelona. Die Katalanen, die damals aus politischen Gründen mehrere Jahre offiziell als CF Barcelona antreten mussten, wurden in Hannover überraschend 2:1 besiegt (beide Tore Siemensmeyer). Das Rückspiel in Barcelona gewann der Hausherr 1:0. Mangels Existenz der Auswärts-Tore-Regel, kam es zu einem Entscheidungsspiel. Austragungsort war wieder das Niedersachsenstadion. Ein packender Fußballkrimi ging 1:1 nach Verlängerung aus (zwei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit konnte Barca erst ausgleichen). Das Regelwerk sah nun einen Münzwurf vor und das Glück war auf der Seite der Katalanen.

Unerwähnt bleiben sollen auch nicht die drei Intertotocup-Siege 1967, 1972 und 1973, zu denen Siemensmeyer die Roten führte. National dagegen spielte Hannover 96 bis 1971 nur im Mittelfeld der Liga. In der Saison 1971/72 hieß die Parole erstmals Abstiegskampf. Das änderte sich auch 1972/73 nicht, als 96 erst durch das Wunder von Wuppertal am letzten Spieltag die Klasse hielt. Die Vorzeichen standen damals denkbar schlecht. Hannover rangierte einen Punkt hinter dem Dauerrivalen Eintracht Braunschweig, die daheim gegen Fortuna Düsseldorf antraten. 96 musste nach Wuppertal, die bisher nur von Gladbach im Stadion am Zoo geschlagen wurden, während Hannover erst einmal diese Saison in der Fremde gewinnen konnte.

Doch Siemensmeyer trieb die Roten unermüdlich an. Zunächst trifft Stiller zum 1:0 für die Gäste, dann erhöht der blonde Hans persönlich zum 2:0. Braunschweig liegt indessen 0:1 zurück. Die Roten spielen wie im Rausch und machen alle Pleiten der letzten Monate vergessen. Ein Doppelpack von Willi Reimann besiegelt Wuppertals 0:4-Heimpleite. Nun banges Warten auf das Ergebnis aus Braunschweig, bis die Erlösung folgt; 1:2 verloren. Hannover bleibt erstklassig, der Erzrivale und Meister von 1967 muss eine Klasse runter.

Die große Wende für 96 war das Wunder vom 9.6.73 leider nicht. In der darauffolgenden Spielzeit mussten Siemensmeyers Hannoveraner nach ordentlichem Start wieder ab Herbst um den Klassenerhalt kämpfen. Diesmal wurde der Kampf am vorletzten Spieltag durch 0:0 gegen Eintracht Frankfurt verloren. Hannover war nach 10 Jahren wieder zweitklassig, daran konnte auch der blonde Musterprofi Siemensmeyer mit seinen fünf letzten Saisontoren für die Roten nichts mehr ändern. Während im Sommer 1974 die Fußballweltmeisterschaft in Hannover gastierte, stand der eigentliche. von Schulden geplagte, Hausherr vor einer ungewissen Zukunft.

Der Oberhausener Siemensmeyer beendete seine große Karriere mit dieser Niederlage und blieb in Hannover sesshaft. Der gelernte Elektriker bekam eine Anstellung bei den Stadtwerken Hannover und betreute den kleinen TSV Havelse im hannoverschen Umland. Den Garbsener Verein, der es noch bis in die 2.Bundesliga schaffen sollte, führte er binnen 10 Jahren in die Regionalliga Nord. Danach kehrte er zu 96 zurück und übernahm die A-Jugend. Dort leistete er erfolgreiche Jugendarbeit, ein Engagement als Trainer der Bundesligamannschaft war dagegen 1988/89 glücklos. Zur WM 2006 wurde der dreifache Nationalspieler (aufgrund des starken Bayern-Gladbach-Blocks wurden es nicht mehr) Botschafter der WM-Stadt Hannover. Für 96 bestritt er insgesamt 278 Bundesligaspiele und ist mit 72 Toren der Rekordtorschütze der Niedersachsen. Der immer noch in Hannover lebende und mit 96 mitfiebernde Siemensmeyer ist in seiner Wahlheimat eine lebende Fußballlegende.

Bildquelle: http://www.stickerfreak.de/Bergmann%20Seiten/Bundesliga%201969-70/Hannover%201970.html

Weitere Legenden des Fussballs:

Fuballer Legenden