Andreas Möller

Heulsuse, Heintje, Judas, Jahrhundertschwalbe… die ersten Begriffe beim Brainstorming zu Andy Möller klingen nicht gerade positiv. Aber gleich zu Beginn habe ich auch den entscheidenden Elfer im EM-Halbfinale 1996 vor Augen. Die Engländer wieder im Elfmeterschießen rausgeworfen, diesmal in ihrem Wohnzimmer Wembley. Und erneut wurde kurz danach eine Trophäe in den Abendhimmel gereckt. Das war 1990 nicht anders. Damals auch schon dabei, wenn auch in diesem Spiel nicht aktiv, Andreas Möller. Überhaupt hat dieser Andreas Möller nahezu alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Weltmeister, Europameister, Champions League Sieger, Uefa-Cup-Gewinner, Weltpokalsieger, Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger, um mal nur die namhaften, ohne Fuji-Cup & Co, aufzuzählen.

Andreas Möller

Andreas Möller © 11freunde.de

Seinen ersten Titel im Herrenfußball holte Möller 1989 mit Borussia Dortmund. Dorthin war er im Winter 1987/88 gewechselt. Begonnen hatte die Karriere des gebürtigen Frankfurters in den Jugendmannschaften der Eintracht. Sein Trainer dort hieß Klaus Gerster. Dieser wurde zum Freund und Förderer Möllers, vor allem aber zu seinem Berater. Der gelernte Immobilienkaufmann Gerster und der gelernte Bürokaufmann Möller gingen eine jahrelange höchst fruchtbare Beziehung ein, die bei beiden die Kassen klingeln ließ. Bei Vereinsverantwortlichen dagegen sorgte das hessische Duo stets für Unbehagen.

Da war zunächst der Wunsch der Eintracht das Supertalent Möller langfristig in Frankfurt zu binden. Und während Gerster hinter den Kulissen schon längst mit Borussia Dortmund handelseinig war, versicherte Möller, er sei Frankfurter und Eintrachtler durch und durch. Er hätte dem Verein, den Mitspielern und Trainer Feldkamp viel zu verdanken, gerne möchte er einen neuen Vertrag unterschreiben. Doch trotz gutem Frankfurter Angebot war Möller wenige Wochen später im Ruhrgebiet. Und Gerster kam mit, als Jugendkoordinator und später stieg er gar zum Sportlichen Leiter des BVB auf.

Möller ließ bei seinem Amtsantritt verkünden, dass er froh sei endlich aus Frankfurt weg zu sein und dass Trainer Feldkamp nur ein Blender sei. Mit den Borussen gewann Möller 1989 den DFB-Pokal, wurde zum Nationalspieler und sollte Eckpfeiler einer neuen Dortmunder Spitzenmannschaft werden. Doch schon 1990 gab es wieder Wechselgerüchte um den WM-Teilnehmer Möller. Am letzten Spieltag der Saison 1989/90 entkräftet der Spielmacher schließlich alle Gerüchte. Er trat mit einem Mikrofon vor die Südkurve und versicherte, dass sein Herz an Dortmund hängt, er für immer und ewig Borusse bleibe und natürlich weiterhin für den BVB spiele. Doch bei der erfolgreichen WM in Italien, gefiel Möller der Adler auf der Brust so gut, dass er diesen auch wieder im Liga-Alltag tragen wollte. Er wechselte zurück zu Eintracht Frankfurt.

Es war nun nicht so, dass die Frankfurter den Mittelfeldstar nach den WM-Feierlichkeiten auf dem Römer kidnappten. Nein, Möller blieb im Sommer 1990 wirklich aus freien Stücken gleich am Main. Denn im Herzen sei er immer Frankfurter geblieben, wie er medienwirksam verkündete. Der verlorene Sohn kehrte also zurück und die kommenden zwei Jahre hatte wieder Eintracht Frankfurt Freude am dynamischen wie torgefährlichen Mittelfeldspieler. Und natürlich war auch Klaus Gerster wieder mit von der Partie. Er wurde der neue Manager der Frankfurter Eintracht.

Im zweiten Frankfurter Jahr kamen von neuem Gerüchte auf. Gerster verhandele mit Lazio Rom, Gerster verhandele mit Inter Mailand, Juventus Turin hat sich ein Verkaufsrecht gesichert… Der Schwarze Abt, wie man Gerster seit seiner Dortmunder Zeit nennt, war inzwischen bei Eintracht gefeuert worden. Seine Eigeninteressen soll er in vielen Fällen vor die der SGE gestellt haben. Möller war nun gefrustet und wäre am liebsten schon nach einer Saison im Sommer ’91 wieder gewechselt. Doch er hatte einen 5-Jahres-Vertrag unterschrieben und Eintracht Frankfurt plante den ganz großen Wurf, wozu man den Star fest eingeplant hatte.

1991/92 spielte Eintracht Frankfurt auch tatsächlich um die Deutsche Meisterschaft, als der Schwarze Abt überall in Europa am Verhandlungstisch gesehen wurde. Und auch Möller versprach diesmal nicht die ewige Treue für seinen derzeitigen Arbeitgeber, sondern träumte laut von einem Engagement im Ausland. „Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien“, dieser berühmte Satz fiel damals, als Möller mit dem Madrid- und dem Mailand-Gerücht konfrontiert wurde und der Reporter fragte, zu welchem der beiden Clubs er denn lieber wechseln würde. Es wurde am Ende weder Madrid noch Mailand, aber tatsächlich Italien. Andreas Möller wechselte als Vizemeister von der launischen Diva zur alten Dame.

Bei Juventus Turin glänzte Möller genau wie in Deutschland mit seiner Schnelligkeit und seiner Torgefahr. 1993 gewann der „Turbo“ mit Juve den Uefa-Pokal. In der Liga reichte es allerdings nur zu Platz 4 ’93 (26 Spiele / 10 Tore) und der Vizemeisterschaft ’94 (30/9). Um seine erste nationale Meisterschaft zu erringen, musste Möller erst wieder in die Bundesliga zurückkehren. Wieder zum BVB, seinen ewigen Treueschwur vielleicht doch noch einlösen. Großeinkäufer Dortmund zahlte Juventus eine hohe Ablöse und dem Mittelfeldakteur ein üppiges Salär. Als Italo-Veteran befand er sich in Dortmund mit Riedle, Reuter und Sammer in guter Gesellschaft und mit dem ersten Meistertitel seit fast 40 Jahren und 14 Saisontoren, konnte sich der „Judas“ wieder mit den BVB-Fans versöhnen.

Mit dem Rest von Fußballdeutschland lag er dagegen im Meisterjahr mehr denn je im Clinch. Es war der 13. April 1995, Dortmund spielte gegen den KSC. Die Meisterschaft ging in die heiße Phase und einem Spieler wie Andy Möller war anscheinend jedes Mittel recht die Punkte zum Titel zu ergattern. Beim Stand von 0:1 täuschte Möller vor gefoult worden zu sein, obwohl der nächstbeste KSC-Spieler Dirk Schuster noch ein ganzes Stück von ihm weg war. Der Schiedsrichter zeigte auf den Punkt und Dortmund glich aus. Am Ende gewann der Titelaspirant 2:1. Möller deklarierte die Jahrhundertschwalbe als Schutzschwalbe („Ich dachte, dass Dirk Schuster mich voll umhauen würde“). Von Sportlichkeit oder Reue keine Spur. Später rechtfertigte er seine Unehrlichkeit aber wie folgt: „Bei jedem anderen wäre ich zum Schiedsrichter gegangen und hätte gesagt, dass es kein Elfmeter war, bei ihm [KSC-Trainer Winfried Schäfer] jedoch nicht.“ Die Fans waren empört, die Medien machten Stimmung und der DFB entschied sich den Schwalbenkönig mit einer Geldstrafe zu belegen und zwei Spiele aus dem Verkehr zu ziehen.

Meister wurden sie am Ende dennoch, trotz Möller-Sperre und Baby-Sturm (zum Saisonende mussten aufgrund von Verletzungssorgen wochenlang die beiden 18jährigen Ibrahim Tanko und Lars Ricken stürmen). Auch im zweiten und dritten Jahr von Möllers zweiter BVB-Periode gab es abermals was zu feiern am Borsigplatz, denn Andy Möller wurde erneut mit Borussia Dortmund Meister und gewann 1997 als Sahnehäubchen Europas Krone in München. 3:1 setzten sich die Borussen gegen seinen Ex-Club Juventus Turin durch und konnten dadurch den größten Erfolg der Vereinsgeschichte einfahren. Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld wechselte auf dem Höhepunkt seines Schaffens auf den Posten des Sportdirektors und wurde zur Saison 1997/98 von Nevio Scala auf der Trainerbank beerbt. Der Italiener stellte das System auf einen Mittelstürmer und zwei Halbstürmer um. Möller wurde einer davon und rebellierte von Anfang an gegen diese Rolle.

In der Liga wurden die Dortmunder nur Zehnter und Scala musste seinen Hut nehmen. Es folgte der junge Michael Skibbe, der Dortmund immerhin wieder auf Platz 4 führte und gegenüber Stars wie Möller eher als Juniorpartner auftrat. Doch 1999/2000 geriet Dortmund in akute Abstiegsnot. Skibbe wurde im Februar 2000 beurlaubt und von Bernd Krauss beerbt. Doch auch Krauss vermochte es nicht das Ruder wieder umzureißen. Altmeister Udo Lattek und Trainer-Novize Matthias Sammer retteten schlussendlich den BV Borussia, der die Spielzeit als 13ter abschloss. Der Vertrag von Möller lief zum Ende dieser Seuchensaison aus.

Ende Mai 2000 trat Rudi Assauer vor die Kameras, um einen Transfer zu verkünden. Als der Name Andreas Möller fiel, konnte man für einen Moment eine Stecknadel fallen hören, so still wurde es zunächst. Dann brach der Sturm der Entrüstung aus und dieser ebbte auch wochenlang nicht ab. Vereinsaustritte, retournierte Dauerkarten, Plakate und Protestaktionen bestimmten die Zeit nach dem spektakulären Wechsel von Möller zu Schalke 04. Da war nicht irgendwer vom Erzfeind aus Dortmund zu den Königsblauen gewechselt, da kam das Feindbild Nr. 1. Möller wurde auf einen Schlag die Hassfigur gleich zweier Fanszenen, der von S04 und der des BVB („Judas“ reloaded and advanced).

Möller konnte das Echo und die Hasstiraden anscheinend problemlos ausblenden und brachte auch im Trikot der Gelsenkirchener gute Leistungen. Nach dem 4:0 Sieg in seinem ersten Derby nach dem Frontenwechsel, machten bereits viele Fans von Schalke ihren Frieden mit dem Überläufer. Zumindest wurde er toleriert und offene Ablehnung gewann Minderheitenstatus. Erfolg relativiert vieles und den hatte der Mittelfeldspieler mit Schalke 04. Sie gewannen 2001 und 2002 den DFB-Pokal. Und auch einen völlig neuen Titel konnte Möller für seine Vita erlangen. Er wurde 2001 mit den Gelsenkirchenern „Meister der Herzen“. Vier Minuten wähnten sie sich auf Schalke im 7.Himmel, bis Bayern in der Nachspielzeit doch noch den Titel klar machte.

Nach drei Jahren Schalke sagte der mittlerweile 35jährige wieder Adieu und kehrte nochmals zu Eintracht Frankfurt zurück. Bei seinem dritten Gastspiel in Frankfurt war aber nichts mehr vom einstigen Turbo zu sehen und so feierte er in seinem letzten Karrierejahr eine letzte Premiere; er stieg mit Frankfurt ab. Unschönes Ende einer der erfolgreichsten, aber auch kontroversesten Bundesligakarrieren aller Zeiten. Nach der aktiven Laufbahn machte Möller den Trainerschein und arbeitete von 2008 bis April 2011 als Manager von Eintracht Frankfurts Erzrivalen Kickers Offenbach. Einen Posten den übrigens auch schon Freund und Berater Klaus Gerster inne hatte. Wer weiß, vielleicht machen die beiden eine gemeinsame Spielerberatungsagentur auf. Mit Werbeverträgen, Gehaltsoptimierung und Wechseln lancieren kennt sich kaum jemand besser aus.

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